Das richtige Glas zum richtigen Bier? Schwachsinn! Oder?

Pilstulpe, Kölschstange, Berliner Weisse - oder auch Weizen-Pokal?

Beinahe zu  jedem Bierstil gibt es auch das passende Glas. Doch wer es bunt und abwechslungsreich mag, hat schnell den Gläserschrank voll - und den Geldbeutel leer. Welches Glas braucht man wirklich? Reicht ein Standard-Bierglas? Sind große Gläser besser als kleine oder umgekehrt? Welche Form ist die richtige? Wir werden in diesem Artikel versuchen, etwas Licht in die Sache zu bringen.

Roadshow durch Berlin und Potsdam

spiegelau_1_img_1294Im September erhielten wir eine E-Mail von Markus Raupach, Bier-Enthusiast und Autor zahlreicher Bier-Reiseführer, die quer durch die Republik führen.

„Ich hoffe, Ihr erinnert Euch noch an mich, ich habe den “Berlin Beer Guide” vor zwei Jahren geschrieben. Aber ich kümmere mich auch sonst viel um Bier und habe eine Einladung für Euch“, hieß es dort. Natürlich erinnerten wir uns – und natürlich wollten wir mitmachen!

Im Rahmen einer „Roadshow“ lud die Firma Spiegelau zu einem kleinen Kennenlernen an sechs verschiedenen Standorten in Berlin und Potsdam ein.

„Wir kennen die Biere hier nicht, haben sie vorher nicht probiert, aber wir sind sicher, dass sie aus unseren Gläsern besser schmecken“…

…eröffnet Richard Voit das kleine Seminar mit rund 20 Teilnehmern nach kurzer Vorstellung im Hops and Barley.

spiegelau_2_img_1302„Oho, ganz schön mutig“ denke ich mir und lausche den Ausführungen des Spiegelau Managing Directors gebannt, der gekonnt zweisprachig über die Entwicklung neuer Gläser und Serien ausführt. „In mehrstündigen Workshops mit Brauern, Bierliebhabern und professionellen Sommeliers werden immer und immer wieder verschiedene Gläser ausgeschlossen, bis endlich das perfekte Glas gefunden ist“ führt er aus. Ich betrachte mir dabei die einzelnen Gläser, die bereits vor uns auf einer Tastingmatte platziert sind, und bin gespannt was es wohl eine Stunde lang rund ums Thema Bierglas zu erzählen gibt.

Von Molekülen und kühlen Mollen

Die Spiele beginnen, das Buffet ist eröffnet, das erste Bier fließt ins Glas. Genauer gesagt in die Gläser, denn zu jedem zu verkostenden Bier im Craftbierglas gibt es ein Pendant im Standardglas der hiesigen Brauerei. Beide Gläser wurden mit dem Winning-Weizen von Dirk Nolte gefüllt.

Christian Kraus (Vertriebsgeschäftsführer Spiegelau Deutschland) lüftet das erste Geheimnis des Tages: Die Moleküle sind entscheidend: „Alles was wir in der Nase als Aroma des Bieres wahrnehmen, sind winzige Teilchen die durch die entbundene Kohlensäure nach oben getrieben werden.“, erfahren wir. „Darum ist die molekulare Oberflächenstruktur des Glases entscheidend“ heißt es weiter. Hierbei spiele nicht nur das verwendete Kristallglas, welches in der Oberfläche deutlich feiner und brillanter als das übliche Industrieglas ist, eine Rolle, sondern auch die Glasform ist entscheidend: „Denn nur ein Glas das sich nach oben hin verjüngt, ist in der Lage die feinen molekularen Schichten der Aromen des Bieres zu halten und das Aroma des Bieres optimal an den Konsumenten abzugeben.“

spiegelau_3_img_1304Ein „Aha“-Effekt ist am Tisch zu spüren, als die aufsteigenden Aromen des Weizens aus beiden Gläsern miteinander verglichen werden. Ausnahmslos jeder Teilnehmer empfindet das Bier aus dem Spiegelau Glas als aromatischer und runder. Das Weizen aus dem Industrieglas wirkt dagegen flach und eindimensional, leicht metallisch sogar -  und das, obwohl es sich um haargenau das gleiche Bier handelt.

Nun gut – Aroma ist die eine Sache, aber Bier ist doch zum Trinken da. Wie sieht es mit dem Trinkgenuss aus? Macht es einen Unterschied ob ich meine kühle Molle aus dem teuren Craftbeerglas oder aus einem Knobelbecher trinke?

Die Antwort ist kurz: Ja! „Auch hier gibt es ein Geheimnis.“ verrät Christian Kraus. Der sogenannte Rollrand der bei industriell gefertigten Massengläsern am Glasrand prangt, wirkt wie eine Sprungschanze: Er befördert das Bier im Mund überall hin, nur nicht dahin, wo man es eigentlich haben möchte. Anders bei den Kristallgläsern aus Bayern vor uns. Diese sind am Rand geschliffen und so glatt wie der sprichwörtliche Babypopo.

Nach dem ersten Verkosten dann erneut ein „Aha“- Effekt, den man jedem Teilnehmer ansehen kann. Die bunt gemischte Runde aus amerikanischen Craftbrauern, Berlin-Beer-Academy-Mitgliedern, Berliner Hobbybrauern und Bier-Nerds bricht in Tuscheln aus. Ein Bier verteilt sich gleichmäßig im ganzen Mund und sorgt für ein weiches Mundgefühl. Das andere aus dem Standardglas ist schon sehr perlig, beinahe überkarbonisiert und irgendwie fehlt auch Aroma in der Nase.

Schlanke Formen und kleine Tricks…

…hat die Glashütte auch noch mitgebracht und zieht den Hasen aus dem Hut. Vergleiche zwischen den nun am Tisch gereichten Pale Ale und Rotwein bestimmen nun den Vortrag. Für uns Bierverrückte kein Neuland. Schließlich käme ja niemand auf die Idee, Wein aus einem Becher oder gar aus der Flasche zu trinken. Ebenso beim Bier, aber das ist hier am Tisch jedem klar.

„Hab ich dich!“ denke ich mir und recke mutig meine Hand zur Frage in die Höhe. „Warum die Gläser denn so dünn seien, bei Weingläsern habe man ja den Stiel, aber wie schützen wir Biertrinker denn unseren teuren Gerstensaft vor dem schnellen Erwärmen durch die Hände?“ frage ich.

„Nun das spielt kaum eine Rolle, viel wichtiger ist die thermische Masse die so ein Glas mit sich bringt“ grätscht Richard Voit von der Seite ein und erklärt uns anschaulich, dass ein dickes Glas ein Getränk sehr viel schneller erwärmt als eine Hand an selbigem. Ein Maßkrug mit Zimmertemperatur sei der Feind des Bieres, nicht sein Konsument. „Hmm… dazu müssen wir wohl mal eine Feldstudie machen“ denke ich und gebe mich kleinlaut geschlagen.

Auch die Riefen am unteren Ende des IPA-Glases seien durchaus kein Zufall, teilt man uns mit. Vielmehr handelt es sich hierbei um ein weiteres kleines, aber geniales Feature das seinesgleichen sucht. Der hohlgeblasene Fuß sorgt dafür, dass das Bier gerade im letzten Drittel des Trinkens immer wieder beim Absetzen leicht verwirbelt wird und so in kleinen Mengen Kohlensäure und Aroma abgibt. „Das Bier wirkt so frischer und es ist immer ein bisschen Schaum auf dem Getränk“

Ein Stout auf belgisch und ein Wirt in Erklärungsnöten

spiegelau_2_img_1307Zum Abschluss des kleinen Seminars kommt das Stout-Glas zum Einsatz: Ein belgisches Dubbel trifft zwar nicht ganz die Voraussetzungen des Glasherstellers, passt aber trotzdem wunderbar hinein und mundet ganz hervorragend.

Nun geht es um Steigraum. „Eines der größten Probleme die wir haben ist, unseren Kunden klar zu machen, die Gläser nicht so voll zu machen. Das beste Glas kann keine Aromen abgeben, wenn es bis zum Rand gefüllt ist. Es ist sozusagen tot. Ein Wirt, der nur ein halbvolles Glas serviert, wird leider immer noch schnell in Erklärungsnöte kommen.“

Ein gesellschaftliches Problem -  sicher, aber man merkt doch im Rahmen des Workshops immer wieder, dass sich die klugen Köpfe der Bayerischen Glashütte wirklich viele Gedanken um ihre Gläser und die Belange ihrer Kunden gemacht haben. Von Spülmaschinenfestigkeit bis Stapelbarkeit werden alle Fragen unserer Runde versiert beantwortet, bevor das Event offiziell zur offenen Konversationsrunde mit Bier erklärt wird und jeder Teilnehmer überraschend noch ein Craftbiergläserset  geschenkt bekommt.

Fazit

Das Fazit ist eindeutig: Die uns präsentierten Gläser der Firma Spiegelau sind wirklich ihr Geld wert und bieten sensorisch ein absolutes Erlebnis.  Ob man den Mehrpreis in Kauf nehmen mag muss jeder selbst entscheiden, jedoch hätten wir es nicht besser formulieren können als Herr Voits selbst: „Wenn ich für ein gutes Bier viel Geld bezahle, um es dann aus einem schlechten Glas zu trinken, dann bekomm’ ich halt nur fünfzig Prozent für mein Geld“.

Wir können diese Gläser mit sehr gutem Gewissen empfehlen.

Carsten,
Braufreunde Berlin e.V.